Übungsaufgaben
zu den Themen, die im Rahmen meines Seminars besprochen werden:
Marlies
In der Notaufnahme einer Universitätsklinik stellt sich eine 23 Jahre alte Frau mit einer blutenden, klaffenden Schnittverletzung mit einer Länge von 5-6 cm längs auf der Streckseite des linken Unterarms vor und bittet um medizinische Versorgung ihrer Wunde. Die Patientin ist wach, voll orientiert, bewußtseinsklar und zeigt bei der Inspektion auf beiden Unterarmen multiple (> 30) reizlose Narben, die auf frühere Schnittverletzungen hinweisen, und auf dem linken Fußrücken 12 runde reizlose Narben mit Durchmessern von ca 1-2 cm, die von Brandverletzungen stammen könnten. Auf Befragen gibt die Patientin an, sich die Wunde selbst mit einem chinesischen Küchenmesser zugefügt zu haben, das sie sich frisch aus der Spülmaschine genommen habe.
Welche weiteren Fragen sind für Sie in der Notaufnahme aus psychiatrischer Sicht vordringlich relevant?
"In welcher Absicht haben Sie sich die Verletzungen zugefügt?" (Suizidalität?)
Patientin: Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Der Druck war riesengroß. Mein Vater hatte angerufen. Nach dem Schneiden waren die schlimmen Gedanken weg und die Bilder. Ich wollte mich nicht umbringen.
"Haben Sie jetzt lebensmüde Gedanken, und wenn ja, wie drängend sind diese Gedanken für Sie?"
Patientin: Die lebensmüden Gedanken sind immer da. Manchmal sind sie schlimmer. Jetzt, geht so. Sonst hätte ich wohl woanders geschnitten!
"Haben Sie sich jetzt noch andere Verletzungen zugezogen oder Drogen, Medikamente oder Gifte eingenommen?"
Patientin: Nein. Das habe ich früher mal gemacht. Seitdem habe ich keine Tabletten mehr im Haus. Und das klappt ganz gut.
"Welche Hilfe können Sie sich von psychologischer Seite vorstellen?"
Patientin: Ich will jetzt meine Ruhe. In der Klinik bleibe ich auf gar keinen Fall.
"Haben Sie bereits regelmäßige psychiatrische/psychotherapeutische Kontakte oder sollen wir Ihnen eine Stelle nennen, an die Sie sich wenden können?
Patientin: Mein Therapeut hat mich rausgeworfen. Dabei hat er gesagt, er ist immer für mich da. Ich will nichts mehr zu tun haben mit Psychotherapeuten.
Welche Fragen vermeiden Sie möglichst in der Notaufnahme?
"Sind Sie als Kind mißbraucht worden?"
"Mußten Sie unbedingt gerade hierher kommen?"
Dürfen Sie diese Patientin auf ihren Wunsch nach Hause gehen lassen?
Ja. Sie leidet am ehesten an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus mit selbstverletztendem Verhalten und latenter Suizidalität ohne konkrete Handlungsabsichten. Sie ist bewußtseinsklar und möchte entlassen werden. Es besteht keine akute unmittelbare Fremd- oder Eigengefährdung auf dem Boden ihrer Erkrankung. Die Chirurgen halten eine ambulante Weiterversorgung der Wunde für vertretbar. Sie geben der Patientin eine Kontaktadresse mit, z.B. einer geeigneten Beratungsstelle.
Welche Behandlungsoptionen gibt es bei der Borderline-Störung?
Psychotherapeutische Verfahren (ambulant/stationär/tagesklinisch), u.U. nach Stabilisierung mit traumatherapeutischen Elementen.
Pharmakologisch:
Mood Stabilizer (insbesondere Carbamazepin, Oxcarbazepin)
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) (z.B. Escitalopram) Cave
Suizidalität bei Antriebssteigerung! Alternativ Mirtazapin.
Atypische Neuroleptika bei psychotischer Symptomatik möglich.
In Erregung, Angst und Panik notfalls symptomatisch und kurzzeitig
Benzodiazepine (z.B. Lorazepam).